STIMMEN ZUM AUDIOWEG GUSEN


Die Stimmen, die uns in verschiedenen Sprachen, Akzenten und Schwingungen begleiten, fügen sich nicht zu einer einfachen Geschichtslektion. Sie konfrontieren uns vielmehr mit der Komplexität eines Geschehens, das sich nicht auf einen einfachen Nenner bringen lässt. Diese Geschichte wird nicht kompakt verarbeitet, sodass wir sie zu den Akten legen könnten. Sie wird auf uns losgelassen in einer Fülle von Fragmenten und Episoden, von Wahrnehmungen, Erinnerungen und Meinungen. Jeder Hörer muss sich auf seine Weise mit diesen Stimmen auseinandersetzen.
(Aleida Assmann, Professorin für Anglistik an der Universität Konstanz, D)

Der AUDIOWEG GUSEN vermag zu zeigen, dass Lager, in denen Vernichtung durch Arbeit betrieben wurde, in einer Welt der Alltäglichkeit und Normalität existierten, zu der Bootsausflüge, Tanz¬abende und Sex gehörten – was allerdings mehr Schrecken beinhaltet als Gedenkinszenierungen, die auf die Emphase des Grauens und der Brutalität setzen. Dass die Normalität jede Form von Verbrechen zulässt, und diese auch noch von ganz normalen Menschen begangen, beobachtet, toleriert werden – das erst lässt den Holocaust als ein historisches Geschehen erscheinen, das sich nicht in einer fernen, irgendwie unwirklich schwarz-weißen Nazi-Realität abgespielt hat, sondern unter anderem hier, in Farbe, mit ganz normalen Menschen, in Gusen.
Der AUDIOWEG GUSEN führt durch das verschwundene Lager, das in den Stimmen von Tätern, Opfern und Anwohnern plötzlich wieder sichtbar wird, und zwar in einer Präsenz, die eindringlicher ist, als es stumme Zeugen wie Wachtürme, Zäune, Baracken je sein könnten.
(Harald Welzer, Professor für Sozialpsychologie an der Universität Witten-Herdecke, D)

Christoph Mayer, a 32-year-old artist who spent a happy childhood in this community, believes it is time to confront the reality. His specialty is interactive art, and he has designed a remarkable audio tour during which visitors walking through Gusen can listen on headphones to the recollections of survivors, of townspeople who watched the terrible events unfold before their eyes, and most disturbingly, of camp guards who perpetrated the crimes.
(Tom Hundley, Chicago Tribune)

Now after decades of silence, the residents are being forced to confront their village's brutal past, taking a new look at homes that once were, or were built on the foundations of, prisoner barracks, the camp brothel, or even its gas chamber. That is the result of a multimedia project that has gathered accounts from both victims and killers of a regime that murdered almost 40,000 people.
(Harry de Quetteville, Daily Telegraph, London)

In den folgenden 90 Minuten befand ich mich in einem der bemerkenswertesten Kunstwerke, die ich je erlebt habe.
(Ola Larsmo, Dagens Nyheter, Schweden)

Spannend ist, dass Mayer nicht mit kategorischen Zuschreibungen von Gut und Böse arbeitet. Ein SS-Mann, der im Lager beschäftigt war, beschreibt, dass er sich auf Befehl an Misshandlungen beteiligt hat und dass er damals keine Schuldgefühle hatte. Heute muss er sich die Frage stellen: „Was bist du für ein Mensch? Hast du als Mensch gefühlt?“ Antworten hat er keine.
(Niko Wahl, Salzburger Nachrichten)

Eine dichte und zum Teil unheimliche Atmosphäre entsteht, mit der das Projekt mehr wird, als Information. Es wertet nicht, es lässt zu Gehör kommen: Opfer und Täter, damalige Bewohner und heutige Bewohner, Menschen, die nie aus Gusen wegzogen und Menschen, die überlebten. […] was und wie die Betroffenen erzählen, das lässt für den Hörer das Grauen von Gusen fast leibhaftig auferstehen, auch wenn er nicht jedes Wort versteht.
(Matthias Bickenbach, http://www.einseitig.info/, D)

Christoph Mayer hätte aus dem Audioweg einen einzigen Horrortrip machen können. Hunderte von Stunden Gesprächsmaterial hat er aufgezeichnet; eine schreckliche Gewalttat nach der anderen hätte er schildern lassen können. Doch er geht beinahe behutsam mit dem Stoff um. Mayer sagt, mehr als sechzig Jahre nach Kriegsende könne es nicht um Anklage und auch nicht um bloße Dokumentation gehen. Er wollte etwas anderes: von der Tiefschichtigkeit eines Ortes erzählen.
(Stephan Lebert, Die Zeit, Hamburg)

 
 
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